Zerstörungsfreie Prüfung im Braunkohlekraftwerk in Neurath
Bei einem Braunkohlekraftwerk denkt man nicht unbedingt zuerst an die Energiewende. Doch erneuerbare Energien sind nicht rund um die Uhr verfügbar. In Zeiten mit wenig Wind und Sonne springen deshalb konventionelle Kraftwerke ein, um den Strombedarf flexibel auszugleichen. So auch das Braunkohlekraftwerk Neurath der RWE im Rheinischen Revier.
Der erste Kraftwerksblock am Standort Neurath nahe den Großstädten Düsseldorf und Köln ging 1972 ans Netz. Mittlerweile sind am Standort im Zuge des Kohleausstiegs im Jahr 2030 nur noch die beiden größten und modernsten Kraftwerksblöcke in Betrieb – die Blöcke F und G aus dem Jahr 2012, mit einer Netto-Leistung von jeweils 1.100 Megawatt.

Überblick des Braunkohlekraftwerks Neurath,
Quelle: RWE.
Unser Auftrag im Kraftwerk Neurath: Qualität in 162 Metern Höhe
Um den zuverlässigen Betrieb und den flexiblen Einsatz als Rückgrat der Energiewende in den kommenden Jahren zu sichern, werden aktuell die Wände des Kessels des Kraftwerksblocks G neu verkleidet. Unsere Kolleg/innen sind für die Überwachung und Prüfung der neuen Schweißnähte das ganze Jahr vor Ort.
Der Kessel im Inneren des Blocks erreicht eine Höhe von rund 162 Metern. Die Rohrwände werden im Bereich von etwa 122 bis 132 Metern getauscht. Um die Stillstandzeit so kurz wie möglich zu halten, wird rund um die Uhr geschweißt, überwacht und geprüft. Konkret geht es um rund 1.700 Schweißnähte. Jede einzelne Naht ist sicherheitsrelevant, denn sie muss später hohen thermischen und mechanischen Belastungen standhalten.


Geprüft wird im Inneren des Kessels in über 100 Metern Höhe. Quelle: TÜV AUSTRIA Deutschland GmbH.
Zerstörungsfreie Prüfung für mehr Sicherheit
Zum Einsatz kommen verschiedene Verfahren der zerstörungsfreien Prüfung (ZfP). Dazu zählt die Röntgenprüfung, also die Durchstrahlungsprüfung, mit der innere Fehler in Schweißnähten sichtbar gemacht werden können. Bei der Schweißnahtprüfung gehören Verfahren wie RT/Röntgenprüfung, Ultraschallprüfung, Sichtprüfung, Farbeindringprüfung und Magnetpulverprüfung zu den etablierten ZfP-Methoden.
Ergänzend führen wir Oberflächenrissprüfungen, wie etwa die Farbeindringprüfung, auch PT-Prüfung oder Penetrant Testing genannt, durch. Dieses Verfahren macht offene Oberflächenfehler wie feine Risse, Poren oder Bindefehler sichtbar. Dabei nutzt das Eindringmittel die Kapillarwirkung: Es dringt in zur Oberfläche offene Fehlstellen ein, wird anschließend von der Oberfläche entfernt und durch einen Entwickler wieder sichtbar gemacht. Gerade bei neuen Schweißnähten ist diese Kombination entscheidend, um innere Unregelmäßigkeiten und äußere Mängel zu identifizieren.
Kesselwand unter Druck
Nach Abschluss der Schweiß- und Prüfarbeiten folgt ein weiterer entscheidender Schritt: die Druckprobe. Dabei wird Wasser in das System gedrückt und der Druck auf rund 340 bar erhöht. Innerhalb der vorgegebenen Haltezeit darf der Druck nicht abfallen. Erst wenn diese Prüfung erfolgreich bestanden ist, kann die Anlage wieder in Betrieb genommen werden.
Druckproben dienen grundsätzlich dem Nachweis von Druckfestigkeit und Dichtheit drucktragender Anlagenkomponenten. Sie werden mit dokumentierten Prüfschritten und kalibrierten Messmitteln durchgeführt.
Gut zu wissen: Der TÜV AUSTRIA wurde 1872 in Wien als unabhängige, österreichische Dampfkesseluntersuchungs- und Versicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit (DUVG) gegründet. Kesseldruckprüfungen sind damit Teil unserer DNA.
Wir schaffen Sicherheit, Verfügbarkeit und Vertrauen
Diese Arbeiten zeigen, worum es im TIC-Business im Kern geht: Sicherheit, Verfügbarkeit und Vertrauen. Unsere Prüfungen zerstören nichts, aber sie machen sichtbar, was mit bloßem Auge verborgen bleibt. Sie helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen, die Qualität neuer Schweißverbindungen abzusichern und den sicheren Weiterbetrieb technischer Anlagen zu ermöglichen.
Auch vor dem Hintergrund des geplanten Kohleausstiegs bleibt die Betriebssicherheit der bestehenden Anlagen relevant. Deswegen zählt jede geprüfte Naht. Zerstörungsfreie Prüfung bedeutet Verantwortung und das besonders dort, wo Druck, Temperatur und Werkstoffgrenzen zusammenkommen.
Ein großes Dankeschön an alle Kolleg/innen vor Ort, besonders an Sven Rygol-Bündgens, Thomas Esser sowie Olaf Wolschke, die diese Arbeiten im Schichtbetrieb, in großer Höhe und unter anspruchsvollen Bedingungen möglich machen. Genau hier zeigt sich, wie wichtig Erfahrung, Qualifikation und Präzision in der zerstörungsfreien Prüfung sind.
Für Fragen zum Projekt:
Sven Rygol-Bündgens, Site Manager
TÜV AUSTRIA Deutschland GmbH